Preisvergleichsseiten im Internet – Wechselunwillige Verbraucher zahlen die Zeche – 20 Jahre Strommarktliberalisierung in Deutschland

Foto: Stromkosten ©Thorben Wengert/pixelio.de.
(lifePR) (Mannheim, November 2018) Die Marktliberalisierung im deutschen Strommarkt hat der Monopolstellung der lokalen Stromversorger vor 20 Jahren ein Ende gesetzt und damit Endverbrauchern/-innen den Wechsel zu anderen Versorgern ermöglicht. Trotz dieser Liberalisierung erhöhen die Grundversorger ihren Grundversorgungstarif, wenn Verbraucher/innen vermehrt nach günstigeren Tarifen im Internet suchen, und senken gleichzeitig die Preise für die von ihnen ebenfalls angebotenen Tarife außerhalb der Grundversorgung. Diese Preise liegen dennoch deutlich über den Tarifen der Wettbewerber. Verbraucher/innen, die vermehrt nach günstigeren Stromanbietern im Internet suchen, profitieren von diesem Verhalten und günstigeren Strompreisen, während Verbraucher/innen, die im teuren Grundversorgungstarif bleiben, draufzahlen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim, gemeinsam mit der MINES ParisTech, der Universität Wien sowie der WU Wien, die auf Daten des Unternehmens Ene’t zur deutschen Energiewirtschaft fußt.


Seit der Marktliberalisierung werden Verbraucher/innen zunächst automatisch von ihrem jeweiligen lokalen Grundversorger zum Grundversorgungstarif mit Strom beliefert. Im Durchschnitt haben Endverbraucher/innen im Grundversorgungstarif jährlich 1.006 Euro im Beobachtungszeitraum der Studie von 2010 bis 2015 gezahlt. Allerdings können sich Verbraucher/innen informieren – etwa auf Preisvergleichsseiten – und für einen anderen, günstigeren Tarif bei ihrem lokal etablierten Stromversorger entscheiden oder zu einem anderen Anbieter wechseln. Die online über Vergleichsseiten gefundenen Durchschnittspreise lagen im Beobachtungszeitraum mit 929 Euro jährlich für den günstigeren Tarif des Grundversorgers und 808 Euro für Tarife konkurrierender anderer Stromanbieter deutlich unter dem Grundversorgungstarif. Die Wissenschaftler zeigen weiter, dass Grundversorger auf verstärkte Online-Suchaktivitäten der Verbraucher/innen auf Preisvergleichsseiten mit einer Erhöhung des Grundversorgungstarifs, gleichzeitig aber auch mit einer Senkung ihres günstigeren Tarifs, reagieren. Steigen die Suchaktivitäten der Konsumenten/-innen im Internet um zehn Prozent, so erhöhen die Grundversorger ihren Grundversorgungstarif um 0,38 Prozent und senken ihren kompetitiveren Tarif um 1,16 Prozent. Hingegen fallen die bereits günstigen Tarife anderer Stromanbieter dann nur leicht um 0,32 Prozent.

Mit Intensität der Online-Suche steigt die Preisdiskriminierung der Grundversorger

Zudem wächst die Preisstreuung mit der Intensität der Online-Suche: Bei einer zehnprozentigen Zunahme der Suchaktivitäten der Verbraucher/innen im Internet, klaffen Grundversorgungstarife und Tarife anderer Anbieter um 2,7 Prozent auseinander. Die Preisdiskriminierung der Grundversorger, also die Differenz zwischen ihren Grundversorgungstarifen und ihrem günstigen Tarif, steigt dann sogar auf 13,7 Prozent. Zudem reduziert sich die Differenz zwischen den kompetitiveren Preisen der Grundversorger und den Preisen der Wettbewerber dann um 13,6 Prozent.
„Grundversorger haben natürlich einen starken Anreiz, wechselwillige Kunden/-innen davon abzuhalten, zu einem anderen Anbieter zu wechseln, indem sie selbst einen günstigeren Preis als den Grundversorgungstarif anbieten. Je höher der Anteil der wechselwilligen Kunden/-innen ist – ökonomisch wird dann von niedrigeren Suchkosten gesprochen –, desto niedriger setzen die Grundversorger ihren günstigeren Preis an. Im Gegenzug erhöhen sie dann jedoch den Grundversorgungstarif, um mehr an Kunden/-innen mit hohen Suchkosten, also Kunden/-innen, bei denen ein Wechsel zu einem günstigeren Anbieter unwahrscheinlich ist, zu verdienen. Dies sind zum Beispiel ältere Menschen, die weniger vertraut mit dem Internet und Preisvergleichsseiten sind“, erklärt Prof.  Dr.  Sven Heim, ZEW-Forschungsprofessor im Forschungsbereich „Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik“ und Ko-Autor der Studie.

Viele Kunden/-innen bleiben trotzdem loyal

Trotz dieser Preisstrategien der Stromversorgungsunternehmen sind viele Kunden/-innen loyal: Im Jahr 2015 blieben weiterhin 76 Prozent der privaten Haushalte bei ihrem Grundversorger. Von diesen zahlten 33 Prozent den teuren Grundversorgungstarif und 43 Prozent hatten auf einen günstigeren Tarif des Grundversorgers umgestellt. Nur 24 Prozent der Kunden/-innen wechselten bis dahin von ihrem Grundversorger zu einem anderen, günstigeren Anbieter. Dabei ist ein Wechsel für Haushalte kaum mit Umständen verbunden, da der neue Stromversorger die Ummeldung übernimmt. Zudem ist ein Wechsel finanziell lukrativ: Bei einem durchschnittlichen Zwei-Personen Haushalt in Deutschland sinken die jährlichen Stromkosten mit einem Wechsel vom Grundversorger zu einem Wettbewerber um durchschnittlich 200 Euro. Die Deutschen scheinen dem Trend des Wechselns zu folgen: In den Jahren 2006 bis 2014 ist der Anteil der deutschen Haushalte, die den Stromanbieter wechselten, von 1,71 Prozent auf 9,38 Prozent gestiegen. „Je mehr Konsumenten/-innen nach günstigeren Stromanbietern im Internet suchen, desto mehr können auch von günstigeren Strompreisen profitieren. Draufzahlen müssen dann allerdings die Verbraucher/innen, die im teuren Grundversorgungstarif bleiben. Die Möglichkeit, den Stromanbieter zu wechseln, führt also zu Gewinnern und Verlierern unter den Verbrauchern/-innen“, so Sven Heim.

Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW)

Das ZEW arbeitet auf dem Gebiet der anwendungsbezogenen empirischen Wirtschaftsforschung. Dabei hat es sich insbesondere durch die Bearbeitung international vergleichender Fragestellungen im europäischen Kontext sowie den Aufbau wissenschaftlich bedeutender Datenbanken (z. B. Mannheimer Innovationspanel, ZEW Gründungspanel) national und international profiliert. Die zentralen Aufgaben des ZEW sind die wirtschaftswissenschaftliche Forschung, die wirtschaftspolitische Beratung und der Wissenstransfer. Das ZEW wurde 1991 gegründet. Derzeit arbeiten am ZEW 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von denen rund zwei Drittel wissenschaftlich tätig sind. Das ZEW ist Mitglied der Leibniz Gemeinschaft.

Forschungsfelder des ZEW

Arbeitsmärkte und Personalmanagement; Digitale Ökonomie; Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik; Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement; Soziale Sicherung und Verteilung; Umwelt- und Ressourcenökonomik, Umweltmanagement; Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft; Marktdesign.