Komatrinken: 50plus holt auf

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Waiblingen. „Komatrinken“, das bedeutet: Jemand konsumiert so viel Alkohol, dass er nicht mehr weiß, weshalb er in der Klinik aufwacht und wie er dort hingekommen ist. „Komatrinken“ – das war bisher etwas, das man Jugendlichen zuschrieb. Über 50-Jährige betrinken sich aber auch bis zur Bewusstlosigkeit, wie eine Statistik der AOK zeigt. Männer sind eher als Frauen gefährdet, dem Alkohol zu verfallen. Warum das so ist, erklärt ein Suchtexperte.

Eine von vielen Theorien lautet: „Noch immer ist es eher gesellschaftlich akzeptiert, wenn Männer viel trinken, als wenn das Frauen in der Öffentlichkeit tun“, so Dr. Christopher Dedner, Chefarzt der Klinik für Suchttherapie am Zentrum für Psychiatrie in Winnenden. Zudem neigen Männer eher dazu, „Kummer, Probleme oder Konflikte mit sich selbst – und mit Alkohol – auszumachen, während Frauen eher Unterstützung durch andere suchen“, erklärt Dr. Dedner.

Frauen sind häufig von Medikamenten abhängig

Frauen ertränken ihre Probleme vielleicht nicht so häufig im Alkohol. Sie flüchten anders – und nehmen Tabletten. „Weit häufiger“ sind Frauen von Medikamenten-Abhängigkeit betroffen als Männer, berichtet der Chefarzt: „Oft erhalten Patientinnen vom behandelnden Arzt Medikamente gegen Ängste, Unruhe oder Schlafstörungen. Wird diese Behandlung nicht genau überwacht und rechtzeitig wieder beendet, besteht die Gefahr der ‘heimlichen Abhängigkeit’.“

Circa ein Prozent der Erwachsenen ist laut Dedner „von Problemen mit Alkohol betroffen“. Männer im Alter zwischen 35 und 55 Jahren dominieren.

Deutlich mehr Ältere mit Vollrausch im Krankenhaus

Wegen exzessiven Alkoholkonsums mit bedrohlichen Folgen sind im Rems-Murr-Kreis im vergangenen Jahr 389 Personen im Alter 50plus ins Krankenhaus eingeliefert worden. Diese Zahl hat die AOK Ludwigsburg/Rems-Murr recherchiert. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 sind 317 Versicherte dieser Altersgruppe nach Komatrinken im Krankenhaus aufgewacht.

Christopher Dedner berichtet ebenfalls von Zuwächsen: In der Klinik für Suchttherapie haben es Ärzte und Pfleger mit vielen Patienten im Alter zwischen 35 und 55 Jahren zu tun, die in „sehr stark betrunkenem“ Zustand in die Klinik kommen oder besser: gebracht werden.

Je älter ein Mensch ist, desto weniger Alkohol verträgt er

Für die meisten Erwachsenen in Deutschland gehören alkoholische Getränke zum Alltag und erst recht zu Feierlichkeiten aller Art: „Den heute 60-Jährigen sind alkoholische Getränke und ihre Wirkungen vermutlich seit vielen Jahren vertraut“, heißt es in einer Mitteilung der AOK. Das Älterwerden bringe aber Veränderungen mit sich, weshalb im reiferen Alter ganz besonders zu einem bewussten und mäßigen Umgang mit Alkohol zu raten sei. Der Grund: Je älter ein Mensch ist, desto weniger Alkohol verträgt er. Denn mit steigendem Alter sinkt der Wasseranteil im Körper. Die gleiche Menge konsumierten Alkohols verteilt sich deshalb auf weniger Körperflüssigkeit und führt zu einem höheren Alkoholpegel, erläutert Dr. Sabine Knapstein, Ärztin bei der AOK Baden-Württemberg. Zudem brauche die Leber länger für den Abbau des Alkohols. Deshalb kann eine Menge Alkohol, die jemand früher problemlos vertragen hat, im höheren Lebensalter zu Trunkenheit führen. Zudem werden die Nerven im Gehirn feinfühliger gegenüber Alkohol. „Daher weisen ältere Menschen selbst bei sinkenden Trinkmengen eine erhöhte Schädigung des zentralen Nervensystems auf“, warnt Sabine Knapstein.

Zu viel Alkohol verursacht schwere gesundheitliche Probleme

Wer chronische Krankheiten wie Bluthochdruck, Osteoporose, Herzschwäche oder Arteriosklerose hat, deshalb Medikamente einnimmt und dann noch Alkohol trinkt, muss mit gefährlichen Wechselwirkungen rechnen. Besonders problematisch ist laut Sabine Knapstein die Kombination von Alkohol mit psychisch wirksamen Medikamenten wie Schlaf- und Beruhigungsmitteln oder Antidepressiva.

Selbst bei freiverkäuflichen Mitteln sollte man zunächst einen Arzt fragen, ob sich die Pillen mit Alkohol vertragen.

Zu viel Alkohol zieht schwere gesundheitliche und soziale Probleme nach sich. Dr. Knapstein nennt als Beispiele diverse Krebsarten, neurologische und psychische Störungen, Magen-Darm-Krankheiten, Herz- und Gefäßkrankheiten, Alkoholvergiftungen, Unfälle und Suizide: „Wer trinkt, um körperliche Beschwerden zu lindern oder negative Gefühle wie Trauer, Einsamkeit, Langeweile oder Angst besser ertragen zu können, ist gefährdet.“ Die AOK verweist in solchen Fällen dringend an die Suchtberatungsstellen.

Suchttherapie ist nur ein Anfang

Die größte Hürde besteht darin, sich das Problem überhaupt erst einzugestehen, berichtet Christopher Dedner: „Oft dauert es leider viele Jahre, bis dieser Schritt gelingt.“ Selbst eine Suchttherapie ist nur der Anfang. Ein alkoholkranker Mensch muss dranbleiben, „denn wenn das Thema langsam in Vergessenheit gerät, ist die Gefahr des Rückfalls gegeben und durch das ,Suchtgedächtnis’ sind Betroffene auch nach langer Abstinenz rasch wieder bei den alten Mengen an Alkohol“.

Was mit „Suchtgedächtnis“ gemeint ist, zeigt dieser Fall: Eine Patientin, die 30 Jahre lang keinen Tropfen getrunken hatte, glaubte, sich anlässlich ihres 60. Geburtstages ein Glas Sekt gönnen zu können. Innerhalb kurzer Zeit verlor die Frau – wie früher – die Kontrolle – und trank und trank und trank.