Japans graue Turnschuhgeneration – Senioren als Retter der Wirtschaft

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japaneseKein Industrieland altert so schnell wie Japan. Die Japaner kommen dabei nicht nur in die Jahre, viele sind auch im hohen Alter gesund und munter. Experten sehen in den fitten Senioren eine wichtige Stütze, um dem zunehmenden Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken.

Chikayoshi Gonda steht aufrecht im Qualm seiner Feuerstelle. «Wenn ich nicht jeden Tag arbeite, macht mein Körper schlapp», sagt der Japaner und lächelt fröhlich. Gonda ist 92 Jahre alt. Sein ganzes Leben lang schon macht er Oyaki, ein mit herzhaftem Gemüse oder süßer Bohnenpaste gefülltes traditionelles Gebäck. «Wenn unsere Kunden sagen, dass es ihnen schmeckt, macht mich das glücklich», sagt Gonda und wendet die runden Oyaki in einer großen Pfanne. Neben ihr sitzt seine Kollegin Fujiko Matsumoto und strahlt wie Gonda übers ganze Gesicht. «Wir sind alle Freunde hier, es tut gut ums Herz, unter ihnen zu sein», erzählt die Japanerin. Matsumoto ist um einiges jünger als ihr Kollege: Sie ist erst 86 Jahre alt.

Keine andere Industrienation der Welt altert so rasant wie Japan. Der Anteil der über 65-Jährigen stieg nach neuesten Erhebungen des Innenministeriums in Tokio 2015 auf die Rekordhöhe von 26,7 Prozent. Damit ist erstmals mehr als ein Viertel der Bevölkerung der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt älter als 65 Jahre. Zwar erfreut sich Japan der höchsten Lebenserwartung in der Welt – 2050 werden Frauen laut Prognosen durchschnittlich länger als 90 Jahre leben. Doch dies hat angesichts einer niedrigen Geburtenrate zur Folge, dass die arbeitende Bevölkerung am Schrumpfen ist. Um diesem Trend entgegenzuwirken, braucht Japan laut Ökonomen deutlich mehr Menschen wie Chikayoshi Gonda und seine Kollegin Fujiko Matsumoto.

Deren Arbeitgeber will denn auch mit gutem Beispiel vorangehen. «Ich möchte Orte bieten, wo die älteren Menschen selbst hingehen und arbeiten können», sagt Firmenchef Koryu Gonda, der die Firma in dritter Generation leitet. An drei Orten in der Provinz Nagano hat er Niederlassungen. Von seinen 84 Angestellten sind 30 älter als 65 Jahre. «Je älter sie werden, desto mehr Erfahrung haben sie und können ihr Wissen von Generation zu Generation weitergeben», schildert Gonda in seinem traditionell eingerichteten Restaurant mit angeschlossener Backstube am Firmensitz in Nagano. Keine andere Provinz hat einen höheren Anteil an Beschäftigten im Alter von über 65 Jahren als Nagano: 38,5 Prozent bei Männern, 19,7 bei den Frauen.

Damit sich die Bevölkerung dieser bergigen Region im Zentrum des Landes auch in Zukunft einer hohen Lebenserwartung erfreut, wird hier beispielgebend für die ganze Inselnation besonders auf die Gesundheitsvorsorge geachtet. So sind die Menschen in Nagano stolz darauf, mit durchschnittlich 370 Gramm am Tag deutlich mehr Gemüse zu essen als der Landesdurchschnitt, der bei 80 Gramm weniger liegt. Allerdings isst man in Nagano gerne eingelegtes Gemüse, was zu einem extrem hohen und damit ungesundem Genuss an Salz führt. Um die Bewohner aufzuklären und gesündere Essgewohnheiten beizubringen, gehen spezielle Ernährungsberaterinnen, sogenannte «shokkai-san», in Schulen und Gemeindezentren und klären über gesundes Kochen auf.

Inzwischen sind landesweit rund 150 000 solcher Berater, darunter viele ältere Hausfrauen, unterwegs, allein rund 3500 in Nagano. Finanziert wird das Ganze durch Mitgliedsbeiträge und Zuschüsse der lokalen Regierungen. Doch damit nicht genug. Auch werden die Menschen in Japan regelmäßig untersucht. Landesweiter Vorreiter ist dabei das Saku Central Hospital in Nagano. «Wir führen jedes Jahr ungefähr 300 Gesundheitschecks in Gruppen für etwa 80 000 Menschen durch», erläutert Shusuke Natsukawa, Ehrendirektor der modernen Klinik in der Stadt Saku. Nach dem Motto «Vorbeugung ist besser als Behandlung» begann die Klinik bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, Ärzte und Krankenschwestern für regelmäßige Untersuchungen in die Dörfer zu schicken. Heute sind solche Gruppenuntersuchungen bei Firmenbelegschaften und in Gemeinden im ganzen Inselreich üblich.

Nicht zuletzt dank solcher Maßnahmen liegt der Anteil der Menschen, die noch im Seniorenalter arbeiten, in Japan höher als in anderen entwickelten Ländern. 2015 waren es laut der «Japan Times» 7,3 Millionen im Alter über 65. Das ist ein Anteil von 21,7 Prozent der Bevölkerung in der Altersgruppe. Und doch ist dies laut Ökonomen längst nicht genug, um sich gegen den Arbeitskräftemangel zu stemmen. Das Japan Institute for Labor Policy and Training schätze, dass die Zahl der Arbeitenden bis 2030 auf 56 Millionen nach 64 Millionen in 2014 sinkt. Angesichts des Umstandes, dass Japan keine aktive Immigrationspolitik betreibt, ist das Land nach Meinung von Experten umso mehr auf seine fitten Senioren angewiesen. Doch dazu müssten unter anderem dringend die Unternehmensstrukturen geändert werden.

Obwohl es in Japan kein offizielles Renteneintrittsalter gibt, ist es in vielen Unternehmen des Landes weiterhin üblich, dass die Beschäftigten mit 60 oder davor offiziell ausscheiden. Mehr als 80 Prozent werden zwar dann weiterbeschäftigt, allerdings zu oft drastisch niedrigeren Löhnen. Da die Pension oft erst ab 65 gezahlt wird, sind viele Ältere schlicht darauf angewiesen, weiterzuarbeiten.

Viele Japaner sind dazu auch fit genug. So wie Chikayoshi Gonda. «Solange sich mein Körper bewegt, möchte ich weitermachen», erzählt der 92-Jährige. Alle in seiner Firma würden so denken. «Sie wollen hier sein, zu Hause wären sie doch nur allein». Die Zukunft seines Landes sehe er denn auch «strahlend und friedlich», sagt Gonda und fügt mit ernster Miene hinzu: «Das ist zumindest, was ich hoffe».