Die Kraft der Alten: «100 Jahre Leben»

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alterDie Zahl der Hundertjährigen steigt rasant an. Allein in Deutschland leben weit über 10 000 Menschen, die hundert Jahre oder noch älter sind. Ein Buch stellt zehn Biografien vor.

Diese uralten Frauen und Männer flößen Ehrfurcht und Respekt ein. Was haben sie nicht alles erlebt: Als sie geboren wurden, gab es nur wenige Autos und Telefone, die Frauen durften noch nicht wählen, Deutschland wurde von einem Kaiser regiert. Zwei Weltkriege mussten die heute Hundertjährigen durchleben, Wirtschaftskrisen und Not, aber auch eine lange stabile und prosperierende Friedenszeit.

Wie blickt man nach all dem auf sein Leben zurück? Das wollte die ARD-Auslandskorrespondentin Kerstin Schweighöfer wissen und führte Gespräche mit zehn Hundertjährigen. Sieben Frauen und drei Männer aus Deutschland, Frankreich, England und den Niederlanden standen ihr Rede und Antwort, von der einfachen Schwarzwaldbäuerin bis zur Grand Old Lady der britischen Archäologie, vom ehemaligen Wehrmachtssoldaten und Berufsschullehrer bis zum Franziskanerpater. Einige der Senioren leben in vornehmen Altersresidenzen, andere werden von ihren Kindern versorgt und eine, die Schwarzwaldbäuerin Mathilde, ist sogar noch in ihrer Wirtschaft tätig.

Die eiserne Gesundheit, ein Geschenk, über das sie alle ein Leben lang verfügten, ist das eine verbindende Element dieser Hundertjährigen, das andere ist die überraschende Offenherzigkeit. Es ist sicherlich nicht selbstverständlich, dass Männer und Frauen, die zum größten Teil noch unter rigiden moralischen Normen aufgewachsen sind, im Rückblick so frei von der Leber weg aus ihrem Privatleben plaudern und dabei auch intime Details preisgeben.

Doch wahrscheinlich ist es ganz einfach so: Wenn man einen so weiten Weg zurückgelegt hat und am Ende eines langen Lebens angekommen ist, muss man keine falschen Rücksichten mehr nehmen. Man kann offen zu sich selbst und den anderen sein. Bei einigen der betagten Gesprächspartner bestand wohl auch das Bedürfnis, mit sich selbst noch ins Reine zu kommen.

So gesteht der Niederländer Gerrit der Autorin, 40 Jahre lang ein Doppelleben geführt zu haben, ein Geheimnis, das er bis dahin noch niemandem verraten hatte. Auch die Bäuerin Mathilde hatte etwas zu verbergen: Ihr drittes Kind entstammte einem Seitensprung. Später beging dieser Junge Selbstmord. Die strenggläubige Bäuerin sah dies als gerechte Strafe für ihre Schuld an. «Es gibt nichts Vollkommenes», ist ihr bitteres Fazit, «und kein Recht auf Glück.»

Vielleicht mit am Überraschendsten: Mit der Gelassenheit seiner hundert Jahre gibt der Franziskanerpater Hubert ohne falsche Scham zu, als junger Priester wie viele Glaubensbrüder onaniert zu haben: «Mir ist es auch passiert.»

Am Ende des Lebens lässt es sich leichter mit der eigenen Schuld umgehen. So räumen zwei Frauen ein, sich während des Krieges nicht genug für jüdische Mitbürger eingesetzt zu haben. Die Deutsche Annemarie brach den Briefkontakt zu einer jüdischen Freundin ab, die Holländerin Mariska weigerte sich, jüdische Kinder zu verstecken: «Aber ich bedauere es unendlich. Und dafür schäme ich mich noch heute.» Mathilde dagegen, die ein sehr hartes und oft auch unglückliches Leben hatte, gesteht sich ein, manchmal neidisch auf andere gewesen zu sein.

Gut wäre es gewesen, die alten Menschen einfach sprechen und ihre Biografien wirken zu lassen. Interessant genug sind sie dafür. Stattdessen funkt die Autorin ständig mit ihren Kommentaren dazwischen, vergleicht gestern und heute, das Leben der Senioren mit ihrem eigenen, psychologisiert und wirft mit Allgemeinplätzen um sich. Fragwürdig ist auch der Versuch, im Stile eines Ratgebers am Ende jeder Biografie eine Quintessenz für das eigene Leben zu ziehen. Denn wenn das Buch eines zeigt, dann doch das: Es gibt kein allgemeingültiges Rezept, hundert Jahre gut und würdig zu meistern.